Antisemitismus. Nein Danke!

Projektträger

Gesellschaftswissenschaftliches Institut München für Zukunftsfragen e.V.

Projektpartner

Bayerisches Bündnis für Toleranz - Demokratie und Menschenwürde

DITIB Jugend Bayern

Generalkonsulat des Staates Israel

Griechisch-orthodoxe Metropolie von Deutschland Vikariat in Bayern

Hanns-Seidel-Stiftung

IN VIA Bayern

Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern

Literaturhaus Edelstetten

Kooperationspartner

AIPSO e.V.

Projektidee

Gerade in den letzten Jahren ist die Bedrohungslage durch antisemitischen Hass oder gar Extremismus wieder größer geworden (siehe Bundesverfassungsinformationen). Zusätzlich gibt es durch die Covid-19-Pandemie neue Problemlagen; Antisemitismus tritt auch dadurch verstärkt auf. Antisemitische Verschwörungsmythen versuchen die Krise zu erklären.

Immer wieder in der Geschichte hat der Antisemitismus als Welterklärung fungiert. So beispielsweise schon in Zeiten der Pest. Es wird der Verdacht kommuniziert, dass sogar hinter der Coronakrise der böse Wille von geheimen Mächten jüdischen Ursprungs stünde; es gäbe also eine jüdische Weltverschwörung.

Obwohl der Zweite Weltkrieg bereits 75 Jahre zurückliegt und viel Erinnerungsarbeit geleistet wurde, können die Vorbehalte gegen Juden nur schwer aus dem Denken mancher Menschen herausgehalten werden. Bis vor wenigen Jahren glaubte man, die Aufarbeitung der Vergangenheit würde dieses Denken endgültig in der Vergangenheit belassen, doch tatsächlich, so Samuel Salzborn, sei „der Glaube an eine tatsächliche Aufarbeitung der Vergangenheit“ die größte Lebenslüge der Bundesrepublik (ders. 2020).

Salzborn spricht sogar von einer Täter-Opfer-Umkehr und belegt dies mit den gegenwärtigen Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Er, sowie etliche Publikationen, die derzeit im Umlauf sind, prangern die Relativierung der Shoah an; wer einen „Judenstern“ mit der Aufschrift „Impfgegner“ trägt oder Kontaktsperren als „sozialen Holocaust“ bezeichnet, relativiert die Shoah, setzt sich selbst an den Platz der Opfer und verwischt damit die Taten des nationalsozialistischen Regimes.

Aufgrund der aktuellen Ereignisse erhält man gelegentlich den Eindruck, als ob Erinnern und Gedenken in der Gesellschaft nur rudimentär vorhanden seien, oder als ob es eine neue Form des Antisemitismus gäbe, der die alte Problemlage als unproblematisch betrachte.

Formen von Antisemitismus

Nun gibt es viele verschiedene Formen von Antisemitismus. So ist Feindschaft gegen Juden keine Erscheinung der Neuzeit, sondern reicht bis in die Antike zurück. Neu hingegen sind viele Formen, in denen sie auftritt, selten offen, häufig getarnt: In Phrasen wie „man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass...", als angebliche Israelkritik, als Relativierung und Leugnung der Geschichte. Es ist ein Antisemitismus ohne Antisemiten, der längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Wo endet Kritik an der Politik Israels, wo beginnt Antisemitismus? Was bedeutet Feindschaft gegen Juden? Und wer sind die Antisemiten?

Antisemitismus ist eine grundlegende Haltung zur Welt, die mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie verbunden auftreten kann, aber grundlegend verschieden ist: Menschen sind bspw. dann antisemitisch, wenn sie durch die Suche nach „Sündenböcken“ eine Erklärung für Vorgänge in Politik und Gesellschaft suchen, auf die sie sonst keine Antwort finden. Antisemitische Einstellungen sind geprägt von einer wechselseitigen Durchdringung von gegen Jüdinnen und Juden gerichteten Ressentiments, die vor allem durch Projektion von Problemlagen auf Juden verbunden oder von Faktenresistenz und Hass geprägt ist. Für den „Antisemiten“ ist der Hass ein emotionaler Mehrwert. Dieser tritt nicht nur im Christentum auf, sondern auch von Seiten der Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen.

So paradox es klingen mag: Der moderne Antisemitismus benötigte die Aufklärung und die damit verlorene Sinngebung, die die Religionen boten. Die Natur und die Rationalität konnten diese Zugehörigkeiten nicht ersetzen. Die neue Gruppenbildung formte sich daher gegen Minderheiten oder gegen Gruppen, die in der Religion verhaftet blieben. Der Rationalismus beinhaltete die Möglichkeit zu rationalem, unmenschlichem Handeln.

Gleichzeitig ist es angesichts der mit der Aufklärung einhergehenden Möglichkeit zur Kritik die freie Wahl der Antisemit/innen, sich auf diese Weise die Welt zu erklären. Dies lässt sich sowohl in psychologischer als auch gesellschaftsstruktureller Hinsicht beobachten. Das Projekt soll die verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen.

Wo trifft man auf Antisemitismus

Antisemitismus kommt in verschiedenen Zusammenhängen vor, z.B.:

  • wenn negative historische Bezüge zur jüdischen Geschichte, Religion oder einem angeblichen "jüdischen Charakter" konstruiert werden (z.B. „jüdischen Rachegott" oder „Affinität der Juden zu Geld oder Kapital").
  • wenn, meist im Sinne von Verschwörungstheorien, die Rede davon ist, „die Juden" hätten hierzulande oder auch weltweit zu viel Einfluss, oder das Vorurteil verbreitet wird, die „jüdische Lobby" bestimme die US-Politik – oder Juden seien schuld an fast allen Konflikten in der Welt. Dazu passt der Wahn einer weltweiten, von Israel gelenkten "zionistischen Verschwörung".
  • wenn die Shoah durch das Tragen des Judensterns bspw. mit der Aufschrift „Impfpflicht“ verharmlost wird, also der Holocaust mit seinen sechs Millionen Toten geleugnet oder relativiert wird.
  • wenn das Vorurteil verbreitet wird, „die Juden" nutzten die Erinnerung an den Holocaust für ihre Vorteile aus – also sekundärer Antisemitismus (Judenhass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz).
  • wenn „die Juden" selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht werden.
  • gibt es rechts- oder linksorientierten Antisemitismus.
  • sind der religiös-antijüdische, der völkisch-rassistische, der sekundär-schuldabwehrende und der islamische Antisemitismus weitere Subkategorien.

Dieses Projekt will die Problemlage entschlüsseln und einen Beitrag zur breiten Diskussion über Antisemitismus und vor allem seine Bekämpfung leisten. Wir halten dies für notwendig, um die Demokratie zu schützen und zu erhalten. Gerade in Zeiten der Corona-Krise und dem damit verbundenen neuen Antisemitismus erhält dies eine besondere Relevanz. Insbesondere zum Anlass 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (im Jahr 981 waren die ersten Juden in Regensburg verzeichnet) wollen wir an die lange gemeinsame Geschichte von Christen und Juden erinnern. Hierzu gehören auch lange Phasen des Miteinanders.

Folgende Maßnahmen sind geplant:

Maßnahmen und Veranstaltungen zur Bekämpfung des Antisemitismus

Antisemitismus ist nicht nur eine Bedrohung für die Opfer selbst, sondern für unsere gesamte demokratische Gesellschaft. Wir versuchen die Demokratie zu fördern, indem wir Menschen zusammenführen, zur Diskussion oder zum Dialog einladen. Wir versuchen dies möglichst breit und auf unterschiedlichen Ebenen umzusetzen.

Wie kann man Foren schaffen, in denen es Möglichkeiten gibt, dass sich Menschen begegnen? Wie kann man bewirken, dass dies längerfristig Bestand haben kann? Welches Wissen kann aus einem solchen Versuch der aktiven Begegnung gezogen werden? Können, neben den Erfahrungen für die Einzelnen, daraus Erkenntnisse für die Politik, die Wissenschaft oder auch die Gesellschaft gezogen werden?

Folgende Aktivitäten sollen dazu beitragen:

November 2020: Podium zu Verschwörungstheorien im Albert-Lempp-Saal der Kreuzkirche – mit Life-Streaming.

Ab November 2020:

  1. Projekte auf der Straße in verschiedenen Städten mit Diskussions- und Gesprächsrunden, bspw. „Speakers‘- und Diskussionscorner“
  2. Onlinevorträge mit Diskussion – bayernweit

April 2021:

Kongress in Ichenhausen (Synagoge und Tagungshaus) zum Anlass 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

(Verantwortung: PD Dr. Karin Schnebel, Prof. Dr. Klaus Wolf)

Mai 2021:

Bürgerforum in Traunstein (Verantwortung: Ursula Lay)

Juni 2021:

Bürgerforum in München (Verantwortung: Corinna Wagner)

Mai 2020-Juli 2021:

Ausbildung von Multiplikatoren: Junge Menschen lernen, Kurse zum Umgang im Alltag mit Hass, Vorbehalten, Antisemitismus oder Rassismus zu erteilen. Dabei werden die Teilnehmenden an drei bis vier Tagen darin ausgebildet, Mitmach- und Kommunikationskurse zu geben, die ein Bewusstsein und ein Verständnis für die Problematik vermitteln.

Ab September 2021:

Einsatz der Multiplikatoren bayernweit (an Schulen, sozialen Einrichtungen, weiteren Organisationen)

Social-Media-Publikationen unterschiedlicher Art:

Interviews, kleine Publikationen, Meinungsäußerungen, Sammlung von Foto- und Filmaufnahmen zum Thema Antisemitismus, etc.

Kurzer Film über das Projekt

Erstellung eines Sammelbands Antisemitismus heute

Nachhaltigkeit

Um die Nachhaltigkeit des Projektes zu gewährleisten, werden junge Menschen in Multiplikatorenschulungen dazu befähigt, Workshops selbst durchzuführen. Diese sollen anschließend in Schulen und anderen Organisationen selbst Workshops leiten.

Durch fachliche und didaktisch-pädagogische Beiträge auf der Internetseite des GIM, durch einen Sammelband über Antisemitismus und viele Publikationen im Internet wird die Nachhaltigkeit zusätzlich gewährleistet.

Literatur

Allenbach, Birgit; Goel, Urmila; Hummrich, Merle; Weissköppel, Cordula (Hrsg.) (2011): Jugend, Migration und Religion. Interdisziplinäre Perspektiven. Pano und Nomos, Baden-Baden und Zürich.

Bernstein, Julia: Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Beltz Juventa, München 2020.

Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt Sonderband 2), Göttingen, S. 183-198.

Brumlik, Micha: Antisemitismus. Reclam, Ditzingen 2020.

Bühl, Achim: Antisemitismus Geschichte und Strukturen von 1848 bis heute. Marixverlag Frankfurt am Main 2020.

Dewey, John (1916/1993): Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Beltz. 3 Himmelmann, Gerhard (2006). Leitbild Demokratie-Erziehung, S. 116.

Gerosa, Libero; Müller, Ludger (Hrsg.) (2014), Politik ohne Religion? Laizität des Staates, Religionszugehörigkeit und Rechtsordnung, Schöningh., Paderborn.

Hellemans, Staf (2005): Die Transformation der Religion und der Grosskirchen [sic] in der zweiten Moderne aus der Sicht des religiösen Modernisierungsparadigma. In: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 99/1, S. 11-35.

Himmelmann, Gerhard (2006). Leitbild Demokratie-Erziehung, Vorläufer, Begleitstudien und internationale Ansätze zum Demokratie-Lernen. Wochenschau-Verlag, S. 77f.

Horvilleur, Delphine: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Hanser Berlin 2020.

Krech, Volkhard (2015): Wiederkehr der Religion? Und nach welcher Säkularisierung? Be-obachtungen zur religiösen Lage im 20. Und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Lutz-Bach-mann, Matthias (Hrsg.): Postsäkularismus. Frankfurt am Main, Campus Verlag, S. 257-287.

Pollack, Detlef: Säkularisierung – ein moderner Mythos? Tübingen.

Putnam, Robert D. (1993): Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy. Princeton University Press, Princeton.

Salzborn, Samuel: Globaler Antisemitismus. Beltz Juventa, München 2020.

Schnebel, Karin (2017): Zur Notwendigkeit einer differenzierten Theorie des Liberalismus angesichts des migrations-bedingen Anstiegs religiöser Heterogenität. In: ARSP, 103/2017. S. 470-482.

Taylor, Charles (2009): Ein säkulares Zeitalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Wertebündnis Bayern (2016): Gesamtkonzept Initiative für Integration und Toleranz (https://www.wertebuendnis-bayern.de/projekte/integration-und-toleranz/)

Wolf, Klaus: Das Judenbild in mittelalterlichen Dramen aus Worms, Mainz und Erfurt. In: Die jüdische Gemeinde von Erfurt und die SchUM-Gemeinden. Kulturelles Erbe und Vernetzung. Hrsg.: Landeshauptstadt Erfurt und der Universität Erfurt. Erfurt 2012 (Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte. Band 1). S. 150–156.