Antisemtismus uralt und gefährlich

Antisemitismus – uralt und doch gefährlich

Hrsg. von Karin B. Schnebel
1. Auflage
Erscheinungsdatum: 09.2021
Seitenzahl: 199
ISBN: 978-3-8340-2165-6

PD Dr. phil. habil. Karin B. Schnebel studierte Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften und Soziolo­gie an der Universität des Baskenlandes, der Universftät Sorbonne Paris und der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) , promovierte an der LMU zum Thema„Selbstbestimmung in multikulturellen Gesellschaften“ und ha­bilftierte an der Goethe-Universität Frankfurt. Neben wissenschaftlichen Tätigkeiten im Bereich der Politikwissen­schaften an verschiedenen Universitäten, unter anderem als Professorin für Polftische Bildiung, Jettet Karin Schnebel das Gesellschaftswissenschaftliche Institut München für Zukunftsfragen (GIM), arbeitet als Hochschullehrerin für Po­litikwissenschaften an der Universität Passau und ist Projektleiterin verschiedener Projekte, und beispielsweise auch dieses Projektes.

Diese Formen sind aus dem Buch:

 ANTISEMITISMUS

Def. Allg.: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ IHRA-Arbeitsdefinition (International Holocaust Remembrance Allicance)

2017 angenommen von der Bundesrepublik Deutschland in erweiterter Form:

„Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

Bayern: „Im Rahmen der Strategie der proaktiven Bekämpfung des Antisemitismus in der Zivilgesellschaft ist Regierungsbeauftragter Spaenle konsequent auf mehr als 100 staatliche Institutionen und Körperschaften sowie Gruppierungen und Vereine der Zivilgesellschaft zugegangen und hat sie dazu aufgerufen, sich mit der IHRA-Definition von Antisemitismus zu befassen und diese anzunehmen. Dem Aufruf von Dr. Spaenle sind über die Bayerische Staatsregierung sowie die kommunalen Spitzenverbände hinaus bisher über 70 Vereine, Parteien, Kirchen und Verbände gefolgt, und haben sich klar gegen Antisemitismus positioniert.“
Bayerische Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in neuem Handbuch europaweit empfohlen – Antisemitismus Beauftragter Bayern

Anders ausgedrückt:
Jo-Achim Hamburger (Vorsitzender des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg:Ich brauche auch keine komplexen Definitionen von Antisemitismus. Wer einem Juden etwas übel nimmt, was er einem anderen durchgehen lässt, ist ein Antisemit.“ Wir brauchen den Schulterschluss (bayern.de)

 

Antisemitische Bemerkungen werden aus politischer Korrektheit kaschiert (Konzept der Kommunikationslatenz (Erb, Rainer; Bergmann, Werner (1991): Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946 bis 1989.)

Umgehungsmechanismen sind: Israelbezogener und sekundärer Antisemitismus

Formen des Antisemitismus:

 

  1. Struktureller Antisemitismus

Diese Form von Antisemitismus ist ein „Antisemitismus ohne Juden“ oder vielleicht eher: „zunächst mal noch ohne Juden“. Demnach werden gesellschaftliche Entwicklungen dem bewussten, intentionalen Handeln von Menschen zugeschrieben, die im Hintergrund die „Strippen ziehen“. Diese Menschen werden als „Böse“ bezeichnet, die gegen die gute „natürlich verwurzelte Wir-Gruppe“ handelt.
Die „Guten“ sind traditionell und authentisch, die „Bösen“ modern und kommerziell. Sie handeln „global“, die Guten handeln „lokal“. Die Charaktereigenschaften auf Seite der „Bösen“ hat man früher offen den Juden zugeschrieben, aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde offener Antisemitismus zum Tabuthema (was offene vs. anonyme Umfragen zeigen).

Um Juden nicht zu nennen, werden jetzt Codes verwendet, z.B. „Ostküste“ (damit sind reiche amerikanische Juden gemeint), „Rothschild“, etc… „Die Erwachten“ wissen, wer gemeint ist.

Der strukturelle Antisemitismus beruht auf Verschwörungserzählungen. Bill Gates, Angela Merkel oder Christian Drosten wird zum Beispiel ein scheinbares Interesse an der Corona-Pandemie unterstellt, d.h. Personen werden zu Sündenböcken für gesellschaftliche Probleme gemacht. Im nächsten Schritt heißt es dann, dass Bill Gates „im Bunde mit dem Jüdischen sei“.

Der strukturelle Antisemitismus ebnet dem offenen Judenhass völkisch-rassistischer Art also den Weg.

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Haury, Thomas (2002): Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR. Hamburg.

Lelle, Nikolas; Balsam Johanna (2020): [tacheles] Struktureller Antisemitismus ist Antisemitismus (noch) ohne Juden. Online Amadeu Antonio Stiftung: [tacheles]: Struktureller Antisemitismus ist Antisemitismus (noch) ohne Juden – Amadeu Antonio Stiftung (amadeu-antonio-stiftung.de) (Abgerufen 02.08.2021).

Kistenmacher, Olaf (2020): Konsequent latent. Online: jungle.world – Konsequent latent (Abgerufen 02.08.2021)

Schnebel, Karin: Antisemitismus, Antizionismus und Antisemitismus der Anderen. Schnebel, Karin (Hrsg.): Antisemitismus – uralt und doch gefährlich. Budrich Verlag, Ulm, erscheint im September 2021.

Schwarz-Friesel, Monika (2019²): Judenhass 2.0. Das Chamäleon Antisemitismus im digitalen Zeitalter. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Thiemecke, Johanna (2021): [tacheles] Das System ist gemein – aber nicht geheim! Online Amadeu Antonio Stiftung: [tacheles]: Das System ist gemein – aber nicht geheim! – Amadeu Antonio Stiftung (amadeu-antonio-stiftung.de) (Abgerufen 02.08.2021)

  1. Sekundärer Antisemitismus, Schuld-Abwehr, Post-Holocaust„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ (Zvi Rex)

Das klingt absurd, ist jedoch Realität für das Denken von vielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der industriellen Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden, wird den Juden plötzlich die Schuld für die Folgen des Holocausts zugeschrieben. Man nennt das „Täter-Opfer-Umkehr“. Warum wird das gemacht? Es ist unangenehm, an etwas schuld zu sein, zumal man sich selbst ja auch nicht als „schuldig“ betrachtet. Stattdessen wird die Schuld abgewehrt:

Das Leid der Deutschen (Kriegsbombardierungen und Vertreibung) wird gezielt thematisiert und gegen den Holocaust „aufgerechnet“. Den Juden wird die Rolle der „Störenfriede“ zugeteilt, die die Deutschen angeblich daran hindern, stolz auf die eigene Nation zu sein. Ein „Schlussstrich“ wird gefordert, d.h. es soll nicht mehr an den Holocaust und die deutsche Kriegsschuld erinnert werden. Entschädigungen an die Opfer will man nicht zahlen, stattdessen unterstellt man den Juden Geldgier und Rachsucht.
Bei den Neonazis und Rechtsextremen zeigt sich der Sekundäre Antisemitismus durch Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung.

Dies gibt es jedoch auch im Linksextremismus: Dieser wendet sich den vermeintlich Schwächeren zu, in diesem Fall den Palästinensern. Die Rhetorik der antiimperialistischen Bewegungen in Europa ist länderübergreifend antisemitisch. Es fand sogar eine paramilitärische Ausbildung der Terroristen im arabischen Raum statt.

Der Antisemitismus der Mitte äußerte sich nach dem Krieg vor allem in der Forderung, Zahlungen an Israel einzustellen. Antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit werden zwar vermieden, seit der Paulskirchenrede Martin Walsers 1998 aber immer salonfähiger auch in der Mitte der Gesellschaft.

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Gessler, Philipp (2006): Sekundärer Antisemitismus. Argumentationsmuster im rechtsextremistischen Antisemitismus. Online Bundeszentrale für Politische Bildung: Sekundärer Antisemitismus | bpb (Abgerufen 02.08.2021)

Koenen, Gerd (2019²): Mythen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Salzborn, Samuel (2018): Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Berlin/Leipzig 2018.

Salzborn, Samuel (2020): Antisemitismus gestern und heute. Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Online: Antisemitismus gestern und heute (bayern.de). (Abgerufen am 02.08.2021)

  1. Christlicher Antijudaismus, Religiös-antijüdischer Antisemitismus

Zentrale Bedeutung für den christlichen Antijudaismus hat der konflikthafte Ablösungsprozess
der frühen Christen vom Judentum. Der „neue Bund“, den die Christen mit Gott schlossen, schloss die Juden aus, weil sie Jesus nicht als Messias anerkannten. Die Christen gaben den Juden die Schuld an Jesu Leidensgeschichte und beschuldigten sie, Christus ermordet zu haben. Wegen dieses „Gottesmordes“ lastete aus christlicher Sicht ein Fluch auf den Juden. Die Diaspora, also die Verstreuung der Juden in fremde Länder nach ihrer Vertreibung und der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer, galt den Christen als Strafe Gottes ebenso wie die Verfolgung der Juden.
Als „Gottesmörder“ unterstellte man den Juden große Macht. Das Motiv, ihnen eine „Jüdische Weltverschwörung“ zu unterstellen, findet sich schon im 13. Jh., der Vorwurf des „Hostienfrevels“, d.h. dass Juden angeblich Hostien „verletzen“, entwickelte sich als Parallele zum Gottesmordvorwurf. Man beschuldigte Juden auch, Kinder zu schlachten, um deren Blut für die Pessach-Feierlichkeiten zu verwenden (Ritualmordlegende). Außerdem verband man Juden mit epidemischen Erscheinungen, und beschuldigte sie während der Pestwellen, die Brunnen vergiftet zu haben. Man warf ihnen Hexerei und Ketzerei vor und stellte sie als Teufel dar. Juden waren von vielen Tätigkeiten ausgeschlossen und mussten sich im Geldhandel betätigen. Regelmäßig wurden sie enteignet, ermordet oder vertrieben. Viele Vorurteile gegen Juden in Bezug auf Geld halten sich trotzdem bis heute. Aus der Bezeichnung Antijudaismus wurde am Ende des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung „Antisemitismus“. Aber den Antijudaismus oder religiös-antijüdischen Antisemitismus gibt es nur noch in kleinen freikirchlichen Gemeinschaften. Die christlichen Kirchen sind hingegen Vorreiter im Engagement gegen Antisemitismus/Antijudaismus. Bedenklich ist jedoch die von Kirchen ausgeübte Israelkritik, die auch versteckter Antisemitismus birgt.

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Bergmann, Werner (2002): Geschichte des Antisemitismus. München.

Botsch, Gideon (2014): Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick. Online Bundeszentrale für Politische Bildung: Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick | APuZ (bpb.de) (Abgerufen am 02.08.2021)

Töllner, Axel (2021): Antijudaismus und Antisemitismus – verschiedene Begriffe, verschiedene Phänomene? Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Wolf, Klaus (2021): Vom Antijudaimus zum Antisemitismus – 2000 Jahre Judenfeindschaft im „christlichen Abendland“. Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Salzborn, Samuel (2021): Aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und ihre Geschichte. Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Schäfer, Peter (2020): Kurze Geschichte des Antisemitismus. München.

  1. Völkisch-rassistischer Antisemitismus

Die einen meinen, der deutsche Journalist Wilhelm Marr brachte Ende des 19. Jh. den Antisemitismusbegriff in die Welt, doch hierzu gibt es verschiedene Quellen. Marr jedenfalls unterschied eine rassistisch motivierte Judenfeindschaft vom religiös begründeten Antijudaismus. Heute bezeichnet der Begriff Antisemitismus allgemein den Judenhass, wie auch immer er begründet sein mag.
Im Zeitalter der Aufklärung kam es infolge des Naturrechts- und säkularisierten Staatsdenkens zu Emanzipationsprozessen: Rechtliche Gleichstellung, größere politische und wirtschaftliche Freiheit für alle Bürger, Abschaffung feudaler Privilegien, Öffnung der Wirtschaftssysteme für den freien Kapitalverkehr, Gewerbefreiheit und Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Auch die Juden waren Teil dieser Entwicklung (Judenemanzipation).
In den 1870er Jahren befand sich das Deutsche Reich in einer wirtschaftlichen Krise (Gründerkrise): Die Prozesse der Moderne und der Liberalismus wurden daraufhin in Frage gestellt. Die als krisenhaft erlebte Modernisierung wurde auf die Juden projiziert. Deren sozialer Aufstieg wurde zum Symbol der Moderne gemacht, die Rücknahme der Emanzipation als Lösung propagiert. Juden standen dabei für Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie, Atheismus, Materialismus, Kosmopolitismus, Entsittlichung usw. (Antisemitismus als „Cultural Code“).
Der deutsche Historiker Heinrich von Treitschke erklärte die „Judenfrage“ zum nationalen Problem, Juden seien kein „unglückliches Volk“, sondern „unser Unglück“. Dies hatte eine fatale Auswirkung und machte den Antisemitismus in gutbürgerlichen Kreisen salonfähig. Antisemitismus wurde mit wissenschaftlichen „Theorien“ und historischen „Argumenten“ legitimiert, nationale mit christlichen Vorstellungen verbunden. Neben dem christlich-nationalen Antijudaismus (vorherrschend unter konservativen Protestanten und dem Adel) entstand der antichristlich-rassistische Antisemitismus (Akteure: politisch radikale Radau- und Rasseantisemiten). Wilhelm Marr (Gründung Antisemitenliga 1879) definierte in seinem sich explizit antichristlichen und wissenschaftlich verstehenden Ansatz die religiös-soziale „Judenfrage“ in eine „Rassenfrage“ um. Juden wurden dabei nicht nur niedriger auf einer Rassen-/Völkerskala platziert, sondern als gefährliche „Gegenrasse“ konstruiert (Houston Stewart Chamberlain).
Die NSDAP, zunächst nur eine von vielen rechtsextremistischen Gruppierungen, verdichtete und radikalisierte in ihrem Antisemitismus die völkisch-imperialistischen Ideen aus der Zeit von vor 1918. Juden sollten aus dem Kreis der „Volksgenossen“ ausgeschlossen und werden und Gäste unter „Fremdenrecht“ sein, die Welt wurde sozialdarwinistisch als sich im „Rassekampf“ befindend verstanden, die Juden als „Gegenrasse“ und Negativtypus zum Idealtyp der „Arier“. Liberalismus, Kapitalismus, Bolschewismus, Freimaurertum galt den Nationalsozialisten als Ausdruck des „jüdischen Geistes“, das „internationale Judentum“ im Streben nach der Weltherrschaft als treibende Kraft hinter allen Problemen, zu lösen durch einen apokalyptischer Endkampf, der die Vernichtung der Juden und die eigene Erlösung zum Ziel hatte. „Der Jude“ wurde zwischen übermächtigem Feind und „Untermensch“ imaginiert, als „Parasit“ ohne eigene produktive Fähigkeiten, der andere Völker durch Rassenmischung zerstört.

Bergmann, Werner (2002), Geschichte des Antisemitismus. München.

Omer Bartov: Der alte und der neue Antisemitismus. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Volkov, Shulamit (2000²): Antisemitismus als kultureller Code. München.

  1. Postreligiöser Antisemitismus

Dies bezeichnet verschiedene moderne Formen des Antisemitismus. Dieser Antisemitismus kann in Verbindung mit Rassismus, Sexismus oder Homophobie auftreten und ist eher versteckt. Er schenkt den Religionen, also auch dem Judentum, keine Anerkennung. Er ist eine Mischung zwischen der Hochachtung den Jüdinnen und Juden gegenüber und Verachtung. Hierzu gehört auch die Angst vor deren Macht. Diese Formen der Vorbehalte gegen Juden erscheinen auch bei QAnon oder den Querdenkern. Hier wird der Antisemitismus oft eine Ersatzreligion.

Als kognitives und emotionales Weltbild bietet der moderne Antisemitismus ein allumfassendes System von Ressentiments und (Verschwörungs-)erzählungen. Man kann zwischen Verschwörungsidealen, Verschwörungsmythen, und Verschwörungsglaube oder eben Verschwörungserzählungen unterscheiden. Viele verwenden das Wort Verschwörungstheorien, was jedoch viel zu hoch ansetzt, denn mit einer „Theorie“ hat es wenig zu tun. Das Wort „Verschwörungserzählungen“ erscheint angemessener. Wie sind die Hintergrundbedingungen des modernen Antisemitismus zu begreifen und in welchen Dimensionen äußert er sich?

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Benz, Wolfgang (2011): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der Jüdischen Weltverschwörung. München.

Imhoff, Roland (2021): Antisemitismus, die Legende der jüdischen Weltverschwörung und die Psychologie der Verschwörungsmentalität. Noch nicht erschienen.

 

  1. Muslimischer/Islamischer Antisemitismus

Juden waren in muslimischen Ländern zwar traditionell wie andere Nichtmuslime in ihren Rechten eingeschränkt, doch wurden Juden im Islam nicht als mächtig empfunden. Das liegt daran, dass im Islam der „Gottesmordvorwurf“ keine Rolle spielt. Nicht Juden ermordeten den Propheten, sondern Mohammed besiegte die jüdischen Stämme von Medina (zwischen 623 und 627 n. Chr.). Aufgrund dieser Konflikte gibt es neben toleranten Äußerungen judenfeindliche Äußerungen im Koran. Aber durch die fehlende Hetze gegen die „Gottesmörder“ erreichten Einstellungen und Handlungen in muslimischen Ländern nie die Tiefen und Barbarei der christlichen Judenverfolgung. Die „Ritualmordlegende“ wurde den Juden vor allem von orientalischen Christen zur Last gelegt, so z.B. in der Damaskusaffäre 1840, unterstützt durch den französischen Konsul. Der türkische Sultan bestätigte damals die Unschuld der Juden. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein gefälschtes aus Europa stammendes Dokument, das den Juden ein Weltverschwörung unterstellt, wurde in den 1920er Jahren zunächst von arabischen Christen übersetzt. Der Einbruch liberalistischer Ideen in die Welt des Islam (Atatürk in der Türkei, Reza Khan im Iran) war unter anderem dem Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al Husseini, ein Dorn im Auge. Als Urheber des Liberalismus wurden die Juden ausgemacht. Husseinis „Arabischer Aufstand“ (gegen das britische Mandat) von 1936 wurde aktiv von den Nationalsozialisten unterstützt. Man zwang die Bevölkerung (auch Christinnen) zur Verschleierung oder zum Tragen der Kaffiya. Araber mit moderaten politischen Ansichten oder solche, die Land an Juden verkauften, wurden verfolgt. 1936 riefen auch die Muslimbrüder in Ägypten zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, da Juden angeblich die heiligen Stätten in Jerusalem zerstörten und arabische Frauen und Kinder ermordeten. Die Nationalsozialisten sendeten gezielt antisemitische Propaganda auf Arabisch und Persisch, um einen Putsch der Araber gegen die Briten zu auszulösen.
Nach der Gründung des Staates Israel 1948 erklärten die arabischen Länder diesem den Krieg. Die arabische Niederlage gegen die als bisher schwach empfundenen Juden war ein Schock für die Araber. Seitdem kam es zu einem massiven Rückgriff auf Vorurteile und Verschwörungstheorien christlich-europäischer Antisemiten in der arabischen Welt. Der saudische König Faisal (1964-1975) erklärte die Damaskus-Geschichte für wahr. Der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass (1972-2004) schildert diese 1983 ebenfalls als Fakt in seinem Buch „Die Matzen von Zion“. In der Fernsehserie „Al-Shatat“ (=Diaspora), die der Satellitensender der Hisbollah, Al Manar, sogar bis nach Europa sendete, wird einem Jungen von Juden die Kehle durchgeschnitten, um sein Blut für Mazzenbrote zu verwenden. Die Charta der Hamas, die stark von den Protokollen der Weisen von Zion beeinflusst ist, unterstellt den Juden die Weltverschwörung. Sie brächten Tod und Verderben über die Menschheit, hätten beide Weltkriege ausgelöst, Chemiewaffen und die Atombomben erfunden. Verbunden werden diese Thesen mit den medinensischen Suren des Koran.

Der Ideologie des radikalen Islam (eine Minderheit, die in einer theokratischen Diktatur leben will und Muslime bekämpft, die dies nicht wollen) will dem „Niedergang der arabisch-muslimischen Welt“ durch die militärische wie auch wirtschaftliche Dominanz des Westens etwas entgegensetzen, teilweise gewalttätig. Der Zionismus (=die jüdische Nationalbewegung) wird als „Speerspitze und treibende Kraft des Westens“ gesehen, der einen nicht-muslimischen Staates auf „muslimischem Land“ errichtet hat, und muss bekämpft werden bis zum Sieg.

Auch der arabische Nationalismus hat den Zionismus zum projektiven Erzfeind. Das Welt- und Geschichtsbild ist von gegen Israel gerichteten Verschwörungsglaube geprägt. Die Schuldbildung ist antisemitisch, häufig wird der Holocaust geleugnet oder relativiert.

Am 14./15. Mai 2021 konnte man während der pro-palästinensischen Demonstrationen gegen Israel u.a. folgende antisemitische Parolen hören oder lesen:
„Khaibar, Khaibar, Ihr Juden, Mohammeds Armee wird zurückkommen!“, „Stop doing what Hitler did to you“ oder „Babymörder Israel“. Die erste Aussage bezieht sich auf Mohammeds Zug gegen die Juden in der Oase Khaibar 628, ist als Vernichtungsdrohung zu verstehen und steht im Zusammenhang mit islamischem Antijudaismus. Die zweite Aussage ist vom Schuld-Abwehr-Antisemitismus beeinflusst: Der Holocaust soll durch unangemessene Vergleiche relativiert werden. „Babymörder Israel“ unterstellt Israel, gezielt Kinder zu töten. Ursprung ist die Ritualmordlegende aus dem christlichen Antijudaismus. Diese drei Beispiele zeigen, dass sich der muslimische Antisemitismus aus unterschiedlichsten Quellen speist.

Manche muslimische Präsidenten, wie der malays. Premierminister Mahathir Mahomad erklärte auf der Islamischen Konferenz am 16.10.2003 in Malaysia, dass Juden die Welt beherrschten und dass  die Entstehung der Demokratie Schuld sei daran, dass die Muslime die industrielle Revolution verpasst hätten. Das Demokratische System hätte zudem den Islam geteilt. Er ruft zur Einheit auf und will bei der Vernichtung von Israel beginnen, da die Juden Schuld an der Demokratisierung der westlichen Welt wären. Bei dieser Konferenz waren 57 Staatschefs und 2000 Journalisten anwesend (u.a. Schnebel 2021).

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Amirpur, Katajun (2019²): Licht und Schatten. Antisemitismus im Iran. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Arnold, Sina (2019²): Der neue Antisemitismus der Anderen? Islam, Migration und Flucht. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Benz, Wolfgang (2011): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der Jüdischen Weltverschwörung. München.

Grigat, Stephan (2021): Corona-Krise und Antisemitismus im Iran. Zur Persistenz antisemitischer Motive angesichts multipler Krisenerscheinungen. Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Hizarci, Dervish (2020): Antisemitismus und Muslime. Ein Drahtseilakt zwischen rassistischer Zuschreibung und falscher Toleranz. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.) (2020): Streitfall Antisemitismus. Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen. Berlin.
Jüdisches Museum Berlin (2016): Antisemitismus in der arabischen Welt – Fakten und Mythen. Vortrag mit Kommentar. Online: Antisemitismus in der arabischen Welt – Fakten und Mythen | Jüdisches Museum Berlin (jmberlin.de) (02.082021)

Kiefer, Michael (2012): Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen – Randphänomen oder Problem? Online Bundeszentrale für Politische Bildung: Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen – Randphänomen oder Problem? | bpb (02.08.2021)

Küntzel, Matthias (2019²): Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus und Antisemitismus in der arabischen Welt. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Ranan David (2018): Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Bonn.

Salzborn, Samuel (2021): Aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und ihre Geschichte.

Schnebel, Karin: Antisemitismus, Antizionismus und Antisemitismus der Anderen. Schnebel, Karin (Hrsg.): Antisemitismus – uralt und doch gefährlich. Budrich Verlag, Ulm, erscheint im September 2021.

Tagespolitisch: Massive Gewalt und offener Judenhass bei Palästina-Demos in Berlin – democ.

 

  1. Als „Israelkritik“ getarnter

Als Israelkritik getarnter Antisemitismus gehört aktuell neben dem Schuldabwehrantisemitismus zu den häufigsten Formen des Antisemitismus in Deutschland. Er richtet sich gegen „den kollektiven Juden“, personifiziert durch den Staat Israel. Dabei werden Israel als „Jude unter den Staaten“ (Léon Poliakov) und seine jüdischen Bürger*innen ideell aus der Weltgemeinschaft der Staaten bzw. der legitimen Staatsbürger*innen kollektiv ausgesondert, angegriffen und dämonisiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Antisemitismus aus politischer Korrektheit meist kaschiert und nicht mehr offen geäußert. Statt Juden zu erwähnen, wird dies u.a. unter dem Vorwand, Kritik an der Politik Israels zu üben, getan (Umwegkommunikation). Das Wort „Israelkritik“ ist so populär, dass es sogar Eingang in Duden fand. Einen vergleichbaren Eintrag gibt es für kein anderes Land.
Von Antisemiten klassischerweise Juden zugeschriebene negative charakterliche Stereotype werden auf den Staat Israel übertragen: Israel sei böse und skrupellos, ein „blutrünstiger Kindermörder“ oder „Organräuber“. Unterstellte man in der Vergangenheit Juden geldgierig, intrigant, mächtig und manipulativ zu sein, gilt dies nun für Israel.
Wurde der Zionismus (die jüdische Nationalbewegung, die das Ziel hatte, staatlich-territoriale jüdische Selbstbestimmung zu verwirklichen) vor dem Nationalsozialismus als Nationalismus neben vielen anderen abgelehnt, wird er nun von Antizionisten als besonders perfider Nationalismus verurteilt, als prinzipiell illegitim und Bedrohung aller anderen Nationen (Israel als Bedrohung des Weltfriedens, als existentielles Problem der Menschheit, Juden als Feinde der Menschheit und Kriegstreiber). Die Idee eines jüdischen Staates wurde von NS-Ideologen als wurzelloses illegitimes „Gebilde“ beschrieben. Dieses Motiv findet sich heute sowohl bei rechts- und linksradikalen, arabisch-nationalistischen und islamistischen Gruppen. Alexander Gauland von der AfD bezeichnete Israel als „Fremdkörper“. Das erinnert an das Bild des Juden als Parasiten, der andere Völker schädigt. Die Verunglimpfung des Zionismus als „rassistisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (z.B. Yavuz Özoguz auf Muslim-Markt.de) verschweigt bewusst, dass es sich bei Israel um einen politischen Zufluchtsort nach den Schrecken der Shoa handelt, ein Refugium der Juden im Land ihrer Urahnen, anerkannt von den meisten UN-Staaten. Teile der israelkritischen Linken sehen Juden in Geld und Macht verwurzelt und Israel als Kolonialmacht, die das Volk der Palästinenser unterdrücken. Israel wird zur alleinigen Ursache von Gewalt und Unfrieden im Nahen Osten stilisiert (trotz zehn Millionen Opfern von Tyrannei und Terrorismus u.a. Jesiden, Bahai, Kurden, Christen und Muslime). Doch Antiimperialismus, der zwischen Kritik an hegemonialer Politik und vorbehaltloser Parteinahme für die Opfer solcher Politik nicht unterscheiden kann, führt zu Kollaboration mit Diktatoren, völkischen Nationalisten und Antisemiten (Grigat). Israel wird dabei mit dem Anspruch von moralischer Überlegenheit entgegengetreten und vermeintlich „antifaschistischem“ oder „universalistischem“ Selbstverständnis.
Das kleine Israel wird außerdem zu einer großen und bösen (Über-)Macht stilisiert, die jede Gewalt als Notwehr rechtfertigt im Kampf von Gut gegen Böse.
Die Dämonisierung Israels erfolgt großteils mit dem Vorwurf des „Kindermordes“ (basierend auf dem mittelalterlichen Ritualmordvorwurf), der gegen kein anderes Land der Welt erhoben wird, in dem tragischerweise während kriegerischer Konflikte Kinder sterben (u.a in hoher Zahl während des Syrienkrieges). Israel wird dabei Vorsatz unterstellt, obwohl es große Anstrengungen unternimmt, zivile Opfer zu vermeiden und die Hamas die Zivilbevölkerung gezielt als menschliche Schutzschilder missbraucht. Auch kindliche Opfer des islamistischen Terrors werden bewusst verschwiegen.

Jüdinnen und Juden werden zudem häufig kollektiv für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht, unabhängig von ihrer politischen Orientierung. Auch werden immer wieder mit Verweis auf Israel Synagogen oder jüdische Menschen u.a. in Deutschland als „Juden“ angegriffen.

Die Politik Israels wird außerdem mit der des NS-Regimes gleichgesetzt, und damit eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben.
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Bartov, Omer: Der alte und der neue Antisemitismus. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Bernstein, Julia (2020): Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Weinheim.

Feuerherdt, Alex; Markl, Florian (2018): Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert. Berlin.

Haury, Thomas (2002): Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR. Hamburg.

Kistenmacher, Olaf (2020): Konsequent latent. Online: jungle.world – Konsequent latent (Abgerufen 02.08.2021)

Lelle, Nikolas; Balsam Johanna (2020): [tacheles] Struktureller Antisemitismus ist Antisemitismus (noch) ohne Juden. Online Amadeu Antonio Stiftung: [tacheles]: Struktureller Antisemitismus ist Antisemitismus (noch) ohne Juden – Amadeu Antonio Stiftung (amadeu-antonio-stiftung.de) (Abgerufen 02.08.2021).

Poliakov, Leon (1992): Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Freiburg.

Rensmann, Lars (2021): Israelbezogener Antisemitismus. Formen, Geschichte, empirische Befunde. Online: Israelbezogener Antisemitismus | bpb . Abgerufen am 02.08.2021

Salzborn, Samuel (2021): Aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und ihre Geschichte. Erscheint demnächst im Sammelband des Projekts „Antisemitismus. Nein Danke!“

Simovich, Sandra; Grimmeisen, Julie (2021): Antisemitismus in Deutschland aus israelischer Perspektive. In: Schnebel, Karin (Hrsg.): Antisemitismus – uralt und doch gefährlich. Budrich Verlag, Ulm, erscheint im September 2021.

Schwarz-Friesel, Monika (2019²): Judenhass 2.0. Das Chamäleon Antisemitismus im digitalen Zeitalter. In: Heilbronn, Christian; Rabinowski, Doron; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte. Frankfurt/Berlin.

Thiemecke, Johanna (2021): [tacheles] Das System ist gemein – aber nicht geheim! Online Amadeu Antonio Stiftung: [tacheles]: Das System ist gemein – aber nicht geheim! – Amadeu Antonio Stiftung (amadeu-antonio-stiftung.de) (Abgerufen 02.08.2021)