Dr. phil. Karin B. Schnebel hat am 06. Mai 2016 auf der Tagung  „Nationale, europäische und internationale Herausforderungen der Flüchtlingsströme“ der Kolleg-Forschergruppe (KFG) „The Transformative Power
of Europe“ in Berlin einen Vortrag gehalten: „Über die Notwendigkeit einer differenzierteren Theorie des Liberalismus angesichts der mit der Fluchtthematik verbundenen Herausforderungen“

Die mit der Fluchtthematik verbundenen Herausforderungen führen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene zu wachsenden Verteilungskonflikten und einer Infragestellung bestehender Rechtsordnungen. Darüber hinaus stellen sie eine Theorie des Liberalismus in Frage, der einseitig eine Idee des Universalismus vertritt.
Für die nationale Ebene multikultureller Gesellschaften plädiert Charles Taylor in seinem Buch „Multikulturalismus und die Theorie der Anerkennung“ für eine differenziertere Theorie des Liberalismus, konkret für einen Liberalismus, der nicht allen die gleichen Rechte gibt, sondern bestimmten Gruppen aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse Sonderrechte einräumt. Dies ist nach Taylor insbesondere bei denjenigen Minderheiten notwendig, denen die Mehrheitsgesellschaft ein erniedrigendes Bild ihrer selbst zurückspiegelt, was Selbstverachtung auslösen kann und damit verbunden Integration unmöglich macht.
– Ein Gedankengang der insbesondere hinsichtlich des wachsenden Religionspluralismus auch in Deutschland bedeutsam ist. Mit einer „Politik der Differenz“, also einer Anerkennung von Sonderrechten, lassen sich, so Taylor, auf nationaler Ebene die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unterdrückte Minderheiten integriert werden können. Selbstverständlich liegt hier ein Dilemma darin, dass eine deutliche Abkehr von einer Politik des Universalimus, also einer Politik, welche die gleichen Rechte für alle einfordert, selbst zum Integrationshindernis werden kann, da Segregationstendenzen und eine Überforderung der Mehrheitsgesellschaft die Folge sein können.
Bedeutsam für die aktuelle Situation ist Anwendung einer differenzierteren Theorie des Liberalismus und einer Politik der Differenz auf europäischer und internationaler Ebene. Allgemein soll diskutiert werden, inwieweit sich der auf Nationen bezogene Ansatz von Charles Taylor auf Staatenverbünde und auf die internationale Ebene übertragen lässt. Hierbei gilt es insbesondere zu reflektieren, inwiefern auf europäischer und internationaler Ebene eine
(stärkere) Anerkennung von Sonderrechten ermöglicht werden kann und welche Chancen sowie Risiken darin liegen. Wobei Sonderrechte sich hier, anders als bei Taylor, nicht auf Minderheiten beziehen, sondern auf Staaten bzw. Regionen, die marginalisiert und/oder unterdrückst sind bzw. sich selbst so wahrnehmen.