Was ist eigentlich los mit der Welt? Diese Frage kann man sich leicht stellen, zumal man glaubte, dass bis vor wenigen Jahren die Welt noch ganz in Ordnung war. „Corona“ ist das Schlagwort oder gar die neue Zeit; denn die damit verbundene Problematik scheint Potential zu haben, die Welt zu verändern. Vor „Corona“ gab es auch viele Krisen, wenn nicht gar eine Krise der Moderne selbst (Ottmann 1992), aber über viele Jahrzehnte lebten die meisten Menschen in Deutschland zumindest in einem relativen Wohlstand. Noch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts glaubte man der überwundene Kalte Krieg würde die Welt zum „Guten“ verändern. Die Demokratie, die Grund- und Menschenrechte, die gesellschaftliche Differenzierung, die Individualisierung oder die Chancen der Selbstverwirklichung waren die Errungenschaften, die sich bald in allen Ländern durchsetzen würden. Zwar begann sich bereits am Ende der 90er Jahre die Demokratisierung der Welt ein wenig zu verlangsamen, doch vorübergehend schien Ruhe in die Neuordnung der Welt nach dem Kalten Krieg eingekehrt zu sein. Globalisierung, Digitalisierung, Fortschritt oder Nachhaltigkeit gewannen an Bedeutung. Lange sollte diese Phase jedoch nicht anhalten, denn islamische fundamentalistische Bewegungen hielten uns ab 2001 in Atem, die Unruhen und Kriege in islamischen Ländern nahmen zu; doch in Europa sollten die Menschen erst ab 2015 die Wucht der Kriegsfolgen direkt zu spüren bekommen.

Der Sommer 2015 ging zur Neige und plötzlich geschah etwas Vorhersagbares und doch Unvorhergesehenes: Viele Menschen aus dem Süden oder Südosten der Welt kamen in unser Land und suchten Asyl. Der Umgang damit war zunächst erstaunlich: Menschen in Not wurden von vielen Seiten willkommen geheißen, doch gleichermaßen spaltete sich die deutsche Gesellschaft in diejenigen, die den Migranten halfen und diejenigen, die sich politisch dagegen organisierten. Aus letzterem erwuchs mit großer Vehemenz eine neue rechte politische Szene in der Bundesrepublik.

Nach und nach wurde aus dem Auseinanderklaffen der Pole eine Krise der Demokratie, an vielen Orten gepaart mit der Suche nach einem starken Anführer. Eine Krise, die sich nicht nur in der Bundesrepublik zeigte. Die daraus rasch erwachsende Hochkonjunktur des Populismus zeigte sich in ganz Europa, in den Vereinigten Staaten oder auch in der Türkei. Viele Menschen waren verunsichert und suchten nach einer „starken Hand“, die alles regeln würde. Innerhalb dieser Bewegungen schien die Suche nach dem „Leviathan“, wie Thomas Hobbes im gleichnamigen Buch bereits im Jahr 1651 untersuchte, wieder neu entfacht zu sein. Nach ihm ist der Mensch kein „zoon politikon“ wie bei Aristoteles, welches nach Gesellschaft strebt, sondern durch Verlangen, Furcht und Vernunft gekennzeichnet; Hobbes zufolge strebt der Mensch nach dem eigenen Vorteil, nach Ruhm und Wettstreit. Durch List können Menschen demnach etwas erreichen. Dies wurde zum Regierungsstil einiger Führer, die nach 2015 demokratisch gewählt und mit viel Macht ausgestattet wurden. In der Türkei wurde mit der Wahl des Präsidenten sogar die Meinungsfreiheit demokratisch „abgewählt“. Das ist ein anderes Verständnis von Demokratie als es in herkömmlichen demokratischen Gesellschaften praktiziert wurde. Kann es sein, dass unsere Errungenschaften von Grund- und Menschenrechten nach und nach in Frage gestellt werden?

Doch die Bedrohungen, der sich die Demokratie gegenübersieht, folgten noch weitere Herausforderungen. So erstarkte ab 2018 eine Protestbewegung, welche so einflussreich wurde, dass sie die ganze Welt in Bewegung brachte und gerade in der Bundesrepublik Deutschland nahezu alle Parteien zu einem neuen Verständnis des Klimathemas führte. Aber auch dies schob die politischen Lager weiter auseinander.

Zur Migrationskrise, Demokratiekrise oder Klimakriese gesellt sich nun noch die „Coronakrise“. Diese Herausforderung stellt alle aktuellen Dilemmata in den Schatten und stellt alles bis dahin Gültige in Frage. Unser Tagesablauf, unsere Art und Weise zu leben und sogar unsere Zukunftspläne werden in den Hintergrund geschoben und so mancher fragt sich, ob er den Ausgang des „Krieges“ gegen diesen unsichtbaren Feind, also das Virus, überhaupt erleben wird?

Auch wenn es nicht das Ende der Welt bedeutet, so kann es Grundlegendes in Frage stellen und das Leben vieler Menschen komplett verändern. Das Positive wäre zwar ein ordentlicher Schub für das Klima in Richtung einer Rettung unserer Welt, doch was nützt dies dem Einzelnen, wenn seine Lieben nicht mehr unter uns weilen. Außerdem bleibt auch die Unsicherheit über den Umfang der Folgen. Kann dies vielleicht sogar das Ende der bisherigen politischen Weltordnung sein? Doch wie wird die neue Ordnung aussehen? Selbst wenn sich alles zum Guten wenden würde, weil ein Impfstoff in Kürze gefunden würde, so bleibt es eine Wende, eine Krise oder ein Umbruch. Sogar das Zusammenleben oder die Stellung der Familie könnte sich verändern; vielleicht erhalten alte Zusammenhänge wieder neuen Anstrich und eine Krise unseres bis dahin idealistischen Lebens tritt ein. Bereits jetzt entstand eine Krise der Grundlagen der Moderne.

Vielleicht ist die Krise sogar eine Ambivalenz oder als Dialektik der Moderne zu bezeichnen. Die Moderne hat nun eine Kehrseite enthüllt, mit der keiner gerechnet hatte. Die Globalisierung, die Möglichkeit alles in der ganzen Welt zu verteilen, die zeitweise geglaubte „Weltgesellschaft“ (Beck 1986) führte zur schnelleren Verbreitung neuer Krankheiten. Die Welt fügt sich nicht mehr in die Metaerzählung der bisherigen Ordnung.

Die Geschichte vom Fortschritt erhält eine neue Konnotation. Das Virus ist eine Folge der Modernisierung und des Fortschritts. Denn eine Globalisierung hätte sich nicht ohne die Modernisierung entwickeln können. Die Kosten sind hoch und die Menschen ohne finanzielle Rücklagen kommen kollektiv in Bedrängnis.

Bisher glaubte man an die Machbarkeit der Dinge oder an die Regulierbarkeit, doch nun werden die Risiken, die bereits Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“ (1986) beschreibt, direkt greifbar. Nun geht es nicht mehr um Risiken, die wir bewusst eingehen, wie bei Beck, sondern nun geht es um unkalkulierbare Risiken, die uns das Planen der Zukunft erschweren und in Teilen unberechenbar machen. Ulrich Beck sprach noch von unserer ewigen Gier nach dem was wir alles tun könnten. Nun können wir erst einmal wenig tun. Von einem „was könnten wir denn noch tun?“ kommen wir jetzt zu einem „wo kann man still halten?“, „was kann man vermeiden?“ oder „wie kann man eine Katastrophe verhindern?“ Während vorher die Versicherung helfen konnte, ist nun ein vom Covid-19-Virus verseuchtes Land oder gar eine ebenso verseuchte Welt nicht mehr versicherbar. Wer versichert die Menschen gegen unbekannte Krankheiten? Wie groß ist das Risiko? Wird das Wort „Risikogesellschaft“ der Problemlage überhaupt noch gerecht?

Vielleicht trifft es zu, was der Soziologe Niklas Luhmann bereits 1986 in seinem Buch Ökologischer Kommunikation gesagt hat. Demnach leben wir in einem Zeitalter der Unsicherheiten. Diese ist sogar öffentlichkeitsfähig geworden (ders. 237ff).

Aber welche Alternativen haben wir nun?

Vielleicht ist es die Religion, die nun wieder in den Vordergrund rückt und Hoffnung schenkt? Erhält in nächster Zeit der Glaube wieder neue Anhänger? Bis Anfang des Jahres 2020 glaubte man, dass die Spaltung zwischen den religiösen und nicht-religiösen Gruppen immer größer würden. Viele nahmen an, dass es einen Gegensatz zwischen „Glaube und Vernunft“ geben würde (Neimann 2014, S. 89). Glaube hieße demnach blinder Gehorsam und Vernunft überlegtes Abwägen. Nach dem Alten Testament wird jedoch bewiesen, dass die monotheistischen Religionen gemeinsam haben, dass sehr wohl abgewogen wird, ob der Befehl Gottes von Vernunft geprägt war. So hat sich bereits Abraham, der Urvater des Monotheismus, über die Forderung von Gott nach der Opferung seines Sohnes Gedanken gemacht. Er wollte eine so unvernünftige Handlung nicht einfach ohne nachzudenken ausführen. Auch als Sodom und Gomorrha zerstört wurde, ist Abraham bereit, Gottes Zorn zu riskieren, wenn er so handelt, wie er es als gerecht betrachtet. Das dies sogar am Anfang der Bibel steht, zeigt, dass alle drei monotheistischen Religionen solche Strömungen haben (diess.).

Fundamentalistische religiöse Strömungen jedoch erwarten den absoluten Gehorsam gegenüber dem Glauben. Wer glaubt muss auf Gesetze hören, auch wenn er die Begründung nicht versteht. Bereits seit dem Mittelalter gab es jedoch rational denkende Geistliche, die Vernunft als Gottesgabe betrachteten. Sie sahen unsere Fähigkeit, über den Sinn der Dinge nachzudenken, als Güte Gottes. Gerade die protestantische Bewegung hatte, allen voran Martin Luther, zum Ziel, dass alle Menschen lesen und schreiben lernen, dass alle Menschen die gleichen Chancen erhalten und dass jeder das Leben selbst in die Hand nehmen kann. Dies steht ganz im Gegensatz zum Glauben an das Schicksal und an die Unveränderbarkeit von Gottes Entscheidungen. Diese Abwägungen findet man in den meisten Religionen.

Das Problem bei der Vermittlung zwischen Religiösen und Nicht-Religiösen sind also nicht rationale Gläubige, sondern eher engstirnige Gläubige beziehungsweise Fundamentalisten unabhängig von der Konfession oder Religion, die für Gott sogar ihre Kinder opfern würden.

Nun scheint es jedoch ein Zeitgeist zu sein, dass auf der einen Seite die Menschen sich von den Religionen entfernen und auf der anderen Seite die Gläubigen, die ihre Religion aktiv praktizieren, dies mit größerer Intensität oder gar mit Fanatismus tun.

Das Problem ist nicht die Wiederkehr der Religion, die vielfach der größer werdenden Distanz zu Religionen gegenübergestellt wird (Schnebel 2017), sondern die Wiederkehr der Fanatiker und zwar ausgerechnet in dem historischen Augenblick, in dem Krisen die Welt vibrieren lassen. Zur Migrationskrise gesellte sich die Demokratiekrise und als man annahm, dass die Ökologische Krise nun der Höhepunkt sei, folgte ein Krieg gegen ein unsichtbares Virus, der alle bis dahin aufgetauchten fundamentalen Krisen in den Schatten stellt.

Selbst Islamisten, die die Todesstrafe für Atheisten fordern, sind in Anbetracht des übermächtigen Krieges gegen eine Epidemie gebannt.

Bislang bestimmten Menschen die Welt, ob diese nun gläubig waren oder nicht, nun wird eine Krankheit die Menschen in Atem halten und viele Ideale oder auch Konsumvorstellungen verändern sich. Es ist anzunehmen, dass die Menschen sich künftig wieder stärker auf das Wesentliche im Leben konzentrieren werden, aber es ist zu hoffen, dass diese wesentlichen Dinge von Glaube und Hoffnung, aber auch von Vernunft geprägt sind.

Daraus folgend ist zu hoffen, dass unser erreichtes Niveau an Grund- und Menschenrechten, an gesellschaftlicher Differenzierung und an Chancen der Selbstverwirklichung nicht in Frage stellen (Ottmann 1992, S. 19), dass wir erhalten können, was wir uns über lange Zeiträume erarbeitet haben, dass wir Respekt vor unterschiedlichen Ansichten lernen, solange diese die genannten Prämissen einhalten. Ein Ziel wäre es, in der Krise der Moderne (ders.), in der wir uns befinden, deren bereits erreichtes Niveau nicht zu unterbieten. Und wenn wir auf diesem Niveau die Situation der Zeit begreifen, können wir die jetzige Situation als neue Chancen der Welterfahrung und des Weltumgangs betrachten. Es bietet sich nun die Chance des Verzichts auf große Ideologien und Fundamentalismen. Wir können lernen die Welt realistisch und nüchtern zu betrachten, mit Respekt vor verschiedenen Lebenshaltungen, Religionen oder Idealen.

PD Karin Schnebel, München am 03.04.2020

 

Literatur

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main. 1986.

Hobbes, Thomas: Leviathan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011 (original: 1637).

Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation. 2. Auflage. Obladen 1986, 237 ff.

Neimann, Susan: Was ist heute Religion? In: Die Zeit (Hrsg.): Wie soll ich leben? Pattloch, München 2014. S. 85-90.

Ottmann, Henning: Gedanken zur geistigen Situation der Zeit. Wirtschaftsverlag Bachem, Köln 1992.

Schnebel, Karin: Zur Notwendigkeit einer differenzierten Theorie des Liberalismus angesichts des migrationsbdingten Anstiegs religiöser Heterogenität. In: ARSP, 103/2017. S. 470-482.   2017